Elfter September, Antiamerikanismus, Deutschland

Wer über Verschwörungstheorien reden will, muss im Grunde auch zum 11. September 2001 Stellung nehmen.
Die Hypothesen und Mythen, die sich um die Anschläge ranken gehören zur Zeit auf jeden Fall zu den erfolgreichsten, die es in diesem Bereich gibt.

Dieser Erfolg ist grundsätzlich auch leicht zu verstehen. Er liegt natürlich auch in der Tragweite des Ereignisses selbst. Viele sehen in ihm ja den Auslöser einer Zeitenwende und obwohl ich diese Sicht nicht umbedingt teile, kann ich sie dennoch verstehen. Wer sich seinen Traum vom Ende der Geschichte auch durch die Kriege in Jugoslavien nicht vermiesen lassen wollte, musste ihn nun endgültig aufgeben. Die Anschläge und ihre Folgen prägten noch lange die Weltpolitik.

Das verschwörungstheoretische Herangehen wird zudem auch durch das Ereignis selbst nahegelegt. Zum einen sind auf jedem Fall Verschwörungen involviert – denn ohne die würde auch eine Terrororganisation wie Al-Qaida sicher nicht funktionieren. Zu anderen wiesen der Ablauf der Anschläge und die Reaktionen der US-Regierung darauf, bzw. die Informationen, die draüber verbreitet wurden, genug Ungereimtheiten auf, um Misstrauen zu rechtfertigen. Und wer, wenn in einem modernen Staat etwas merkwürdig abläuft, nicht die Geheimdienste verdächtigt, der hat in der Geschichte der letzten Jahrzehnte nicht aufgepasst.

Dass die meisten Verschwörungstheorien zu den Ereignissen des Elften Septembers trotzdem in die gleiche dogmatische, ideologische und meistens schlicht unsinnige Kerbe schlugen, die auch sonst die Deutung politischer Ereignisse dominiert, ist daher zwar schade, liegt aber in der Struktur der „verschwörungstheoretischen Szene“ begründet, über die ich mich bereits ausreichend geärgert habe.

Dennoch, ich verstehe die Funktion, die die „Inside Job“-Erzählungen in den USA ausführen. Viele Amerikaner scheinen sie als ideologisches Rüstzeug im Konflikt mit ihrer Regierung zu brauchen, die seit Beginn des letzten Jahrhunderts zunehmend repressiver geworden ist. Wenn für manche erst ein Terroranschlag mit eigenartigen Umständen kommen muss, um den eigenen Staat zu hinterfragen, dann ist es immernoch besser, als gar nicht.

Das ist aber etwas anders in Deutschland. Die enorme Popularität, die die Mysterien um 9/11 hierzulande auch nach ihren unmittelbaren politischen Nachwirken noch haben, überrascht mich etwas. Die „Inside Job“-Theorien hatten in Deutschland in vielen Fällen auch einen antiamerikanischen Grundton. Die Annahmen, dass amerikanische Geheimdienstler im Fall verwickelt sein könnten, wurde hier gerne so gedeutet, dass „die Amerikaner“ die Anschläge „selbst gemacht“ hätten und die amerikanischen Opfer damit zu einen gewissen Grad auch selbst Schuld wären.

Die herrschaftskritische Funktion, die die Theorien in Amerika haben, können sie hier schon lange nicht mehr ausüben. Im Gegenteil, je mehr und je offensichtlicher das amerikanische Empire am zerfallen ist und je mehr Deutsch-Europa sich zu einer neuen Großmacht ausbaut, desto weniger stehen die Verschwörungstheorien um den 11. September mit der Macht im Widerspruch.

Dennoch scheint auch hier ihre Beliebtheit nicht abzureißen und sie bleiben immernoch das Thema für Verschwörungstheorien schlechthin, trotz all dem Kram, der hier zur Zeit praktisch vor der Haustür abläuft. Das es um die Wahrheitssuche an sich geht, kann ich auch nicht glauben. Niemand interessiert sich für Wahrheiten, die ihm nichts bringen. Und es erklärt auch nicht die relative Beliebtheit, die das Thema im Vergleich zu anderen Verschwörungen hat.

Mir drängt sich vielmehr die Vermutung auf, den Grund gerade im Nutzen zu suchen, die dieser Diskurs für Mächtigen in Deutschland und Europa hat, indem er in den Abgesang auf die alte Weltmacht miteinstimmt, die sie in ihren Großmachtstreben zu überflügeln versuchen.

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