Neowilhelminismus

Vor hundert Jahren begann der erste Weltkrieg. Ein enorm wichtiges Jubiläum, immerhin ist die Bedeutung des Ereignisses, das sich hier jährt, kaum zu unterschätzen.

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Deutsche Außenpolitik 1871 bis 1945, 1998 bis heute.

Dieser Jahrestag wird auch im ganzen Land von Medien und Bildungseinrichtungen begangen, aber von der kritischen Beschäftigung mit dem Weltkrieg ist in der deutschen Öffentlichkeit kaum etwas geblieben. Stattdessen wird das Feld von Revisionismus bestimmt; ausgerechnet dieses runde Jubiläum steht ganz im Zeichen der Relativierung deutscher Kriegsschuld. Hinter jeder Ecke wird der „Schlafwandler“ Christopher Clark hervorgeholt und als Kronzeuge für gleiche, gemeinsame Verantwortung aller Großmächte von 1914 präsentiert und auch Ernst Nolte sollte sich zur Zeit so viel Aufmerksamkeit erfreuen wie seit 1987 nicht mehr. Und wenn auch noch der deutsche Oberhistoriker Guido Knopp durch das Land zieht und Vorträge über den „Dreißigjährigen Krieg des 20. Jahrhunderts“ hält, wird damit auch der Zweite Weltkrieg gleich mit abgehakt. Wenn es endlich um die Absolution Deutschlands geht, ist die historische Realität eben ein akzeptierter Kollateralschaden.

 Ich denke aber nicht, dass es hier nur oder in erster Linie um die Geschichte oder das nationale Selbstverständnis geht. Die Rehabilitierung des deutschen Imperialismus, der vor einem Jahrhundert zum Ersten Weltkrieg führte, ist auch deshalb tagespolitisch wichtig, weil er spätestens seit 1998 auch wieder die Außenpolitik der Bundesrepublik bestimmt.

Das eine der ersten außenpolitischen Großtaten Deutschlands nach der Wiedereringung der Souveränität ausgerechnet in der Beteiligung an der Bombadierung Belgrads (in guter Tradition von 1914 und 1941) kann nur der Naivste für einen Zufall halten. Genau wie die Tatsache, dass es mit Erich Rathfelder und anderen vor allem deutsche Journalisten waren, die seinerzeit die kriegsbegründenden Massengräber im Kosovo gefunden haben wollen, deren Existenz aber bis heute trotz intensiver internationaler Untersuchungen nicht nachgewiesen werden konnte. Und das viele der Nachfolgestaaten des aufgelösten Bundesstaates Jugoslavien lange Zeit die D-Mark als Währung benutzen mussten, hat der exportfixierten deutschen Wirtschaft sicher auch nicht schlecht gepasst.

Und wenn die Krisenpolitik der letzten Jahre vor allem darin besteht, dass deutsche EU-Funktionäre gewählte italienische und griechische Ministerpräsidenten wie Berlusconi oder Papandreou entlassen und durch Berlin-freundliche Marrionettenregireungen ersetzt werden, zeigt auch, dass diese Politik keine Episode oder Spezifikum der Schröder-Regierung war, sondern bis zum heutigen Tag fortgesetzt wird.

Das ist in der Tat auch als späten Sieg Hollwegs interpretierbar.

Die Beschäftigung des heutigen, offiziellen Deutschlands mit dem Erbe des Ersten Weltkriegs reduziert sich also nicht auf blinde Gedenkfeiern. Die Mächtigen in diesen Land haben aus dem Krieg gelernt. Zum Beispiel, dass es nicht immer Afrika sein muss. Platz an der Sonne gibt es zum Beispiel auch in Südeuropa mehr als genug.