Alternativlosigkeit für Deutschland

Mich beunruhigt der mediale Trubel etwas, der zur Zeit die neue Partei „Alternative für Deutschland“ gemacht wird.

Die Partei selbst finde ich nicht weiter bemerkenswert. Es ist nicht so, als würde sie sich in Programm oder Selbstdarstellung groß von dem unterscheiden, was wir von ehemaligen und gegenwärtigen konservativen Parteien wie der Hamburger Schill-Partei oder der CSU gewohnt sind.

Manch einer hat sie als eine Art Unionsgegenstück zur SPD-Abspaltung WASG vor zehn Jahren zu deuten versucht, aber ich finde, der Vergleich hingt etwas. Denn diese beiden Parteien trennte damals wesentlich mehr, als heute die AfD von der Union. Zwar war die WASG, wie eine SPD eine sozialdemokratische Partei, allerdings hatte letztere kurz zuvor mit der Agenda 2010 und der Einführung der Harz-Reformen einen fundamentalen Bruch mit sozialdemokratischen Prinzipien vollzogen, wogegen die Neugründung damals protestieren sollte. Etwas vergleichbares finde ich im derzeitigen Fall nicht. Lucke und seine Anhänger kritisieren zwar die Merkel-Regierung für ihre EU-Politik (natürlich, ohne Alternativen anzubieten, die nicht im Grunde auf das selbe hinauslaufen würden), aber einen Bruch mit Unionsprinzipien können sie auch nicht zur Anklage bringen. Oder glaubt tatsächlich jemand, dass, sagen wir, Kohl in Merkels Position anders entschieden hätte?

Der Grund für meine Beunruhigung ist eher, wie die AfD es geschafft hat, sich trotz ihres extrem angepassten politischen Profils als eine Art Protestpartei zu inszenieren, trotz oder gerade wegen der umfangreichen Unterstützung, die sie von den Mainstream-Medien bekommt.
Damit will ich gar nicht behaupten, dass die Berichterstattung für die Partei ausschließlich positiv ist. Aber auch die zahlreichen kritischen Berichte sind so ausgerichtet, dass sie der Selbstdarstellung der sogenannten „Alternative“ nutzen. So inszenieren sie sie häufig gerade in ihrer Kritik als Rebellen gegen oder Gefahr für die derzeitig dominante Politik, die sie bei nüchterner Betrachtung nicht ist. Dabei ist das aber genau das, was die AfD für die Protestwähler überhaupt erst attraktiv macht, die laut derselben Journalisten für den Erfolg der neuen Partei maßgeblich verantwortlich sind. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das keine Absicht ist, immerhin verdienen diese Leute mit der Manipulation der Massen ihr Brot, darum ist wohl davon auszugehen, dass sie ihr Handwerk gut genug beherrschen, um zu wissen, was sie da tun.

Mich erinnert das Ganze ein wenig an die Streitereien um die Band „Freiwild“ vor einem Jahr.
Mir scheint es, als würden die deutschen Medien systematisch daran arbeiten, reaktionäre Politik und Kultur als logische Rebellion zum derzeitigen Status-Quo zu inszenieren. Würden sie diese Dichotomie erfolgreich durchbringen, gäbe es zwischen reaktionären Etablissement und reaktionären Rebellen keinen Platz mehr für progressive Alternativen im öffentlichen Bewusstsein. Und das wäre dann endgültig politische Alternativlosigkeit.

Deutsche Traditionen

Geschichte wird immer absichtsvoll geschrieben. Das gilt ebenso für den Teil der Geschichte, der bewusst nicht geschrieben wird, aber auch für den, der einfach im Allgemeinen nicht vermittelt wird. Ich beschäftige mich daher gerne mit den historischen Ereignissen, die in Deutschland nicht gerne an die große Glocke gehängt werden. Das gilt unter anderem für die Geschichte des Deutschen Ordens, der der Öffentlichkeit in diesem Land größtenteils nicht bekannt zu sein scheint. Zu Unrecht, wie ich finde, denn es ist ein sehr interessantes Thema und auch für das heutige Deutschland noch aufschlussreich.

Ursprünglich im Nahen Osten als Kreuzfahrerbund gegründet, siedelte der Deutsche Orden 1226 auf Geheiß des Herzogs von Masowien nach Preußen, um die dort lebenden Menschen zu bekehren. An der Verbreitung ihres Glaubens waren die ehemaligen Kreuzritter aber offenbar weniger interessiert als am Kampf gegen die Heiden. Tatsächlich überlebten die Schwertmission des Orden fast 80 % der ursprünglichen pruzzischen Bevölkerung nicht. Die Deutschen Ritter begannen nun schnell, sich in dem weitgehend entvölkerten Land einen eigenen Herrschaftsbereich aufzubauen. Um auch noch Untertanen zu haben, über die sie herrschen konnten, brachten die Ritter Leibeigene aus dem Heiligen Römischen Reich nach Preußen, um die getöteten Ureinwohner zu ersetzen. Diese Praktik diente später als Vorbild für die „Lebensraum“-Politik der Nazis.

Durch die Verwendung seiner Wappen stellt sich die Bundeswehr in die Tradition einer Bruderschaft von Massenmördern

Durch die Verwendung ihrer Wappen präsentiert sich die Bundeswehr bewusst in der Tradition einer Bruderschaft von Massenmördern

Für die deutsche Geschichte ist das Ordensland insofern interessant, da es sich um den ersten Staat handelt, der sich explizit als deutsch identifizierte. Tatsächlich wies er bereits zahlreiche der Charakteristika auf, für die spätere deutsche Staaten traurige Berühmtheit erlangten: Krieg, Imperialismus und Genozid waren selbstverständliche Mittel seiner Politik, und seine Kultur zeichnete sich durch ein elitäres Standesdenken aus, wie durch seine christliche Staatsreligion und eine eliminatorische Judenfeindlichkeit, wie sie für Kreuzritter typisch war.
Dennoch entschied sich viele Jahrhunderte später die junge Nationalbewegung, die sich in der frühen Neuzeit in den Territorien des ehemaligen Heiligen Römischen Reiches ausgebildet hatte, trotz der zahlreichen Alternativangebote, die die heterogene Geschichte des „Flickenteppichs“ bot, recht schnell für die Deutsche Identität und stellte sich damit implizit in die Tradition des Ordensstaates. Grund dafür war wahrscheinlich die Dominanz des preußischen Königreichs, das selbst als teilweise säkularisierter Nachfolger des deutschen Kreuzfahrerreiches entstanden war.

Der deutsche Staat stellt sich bis heute durch seine Symbole und sein Selbstverständnis in diese Tradition. Eine kritische Außeinandersetzung damit findet aber weder im schulischen Geschichtsunterricht noch in der medialen Öffentlichkeit statt.
Das geschieht vermutlich aus dem gleichen Grund, warum zum Beispiel auch der Genozid an den Herero und Nama durch das Kaiserreich in Schule und Öffentlichkeit praktisch vollständig ausgeblendet wird.
Geschichtsbewältigung beschränkt sich in Deutschland auf den Nationalsozialismus, allerdings immer, ohne die jahrhundertelange Tradition deutschen Imperialismus und Völkermords zu berücksichtigen, die ihn hervorgebracht hat.

So wird der NS zu einer historischen Ausnahme sterilisiert, die er so nicht ist, zu einer Art Ausrutscher einer ansonsten tadellosen Nation. Mit dieser Sichtweise fällt es auch nicht schwer, ihn als etwas von außen kommendes zu verklären, mit beliebten Argumenten alá „Hitler war doch Österreicher“ oder durch eine Überbetonung der wenigen ausländischen Geldgeber der Nazis bei gleichzeitiger Ausblendung ihrer zahlreichen deutschen. Es ist wahrscheinlich auch der Grund für hohe Beliebtheit, die Vergleiche zwischen NS und DDR zu haben scheinen; denn letztere war ja zweifellos ein von außen aufgezwungenes System.
Es ist anzunehmen, dass auch die starke Beschäftigung mit seiner faschistischen Geschichte Deutschland letztendlich nur von außen aufgezwungen wurde. An einer Aufarbeitung der gesamten Verbrechen der deutschen Geschichten aber hatten die Siegermächte wohl aufgrund des sich anbahnenden Kalten Krieges scheinbar kein Interesse. Dabei wäre sie notwendig geworden.