Der Unterschied zwischen Nationalismus und Patriotismus

Mit der zunehmenden Restauration des deutschen Nationalismus in den letzten 25 Jahren ist auch seine Unterscheidung zum Patriotismus wieder öfter im Gespräch. Den üblichen Ansichten nach wird der Nationalismus entweder als „übersteigerter“ Patriotismus interpretiert oder der Unterschied zwischen den beiden wird generell geleugnet. Gelegentlich wird der Begriff „Patriotismus“ bzw. „Patriot“ auch als Euphemismus für Nationalimus oder Nationalisten gebraucht.

Tatsächlich sind Nationalismus und Patriotismus aber zwei grundsätzlich verschiedene Ideologien, die nur in der heutigen Zeit zufällig in großen Teilen übereinstimmen. Den üblichen Missverständnisse über ihre Beziehung zeigt nur, dass es der Nationalismus mittlerweile geschafft hat, sich selbst zunehmend zu enthistorisieren.

Die tatsächlichen Definitionen der Begriffe sind folgende:

Der Patriotismus ist eine Anhängerschaft des eigenen Landes bzw. Staates. Was das inhaltliche bedeutet, variiert je nach Staat. Patrioten in einer Republik werden wohl Republikaner sein, Patrioten in einem Königreich eher Monarchisten. Wobei sie auch Anhänger des jeweils anderen Systems sein können, wenn sie der Meinung sind, diese wäre besser für ihr Land. Dieses Prinzip gilt nicht nur für Regierungsformen sondern für jeden anderen Bereich der Politik. Was allen Patrioten gemein ist, ist, dass sie das Wohl des Landes, das über sie herrscht, über jedes andere Ideal und die Interessen jedes in ihm lebenden Menschen stellt.

Der Nationalismus ist dagegen etwas sehr konkretes: Die Ideologie des Nationalstaatprinzips. Nationalisten wollen in einem Staat leben, in dem ihre Nationalität die Leitkultur ist. Für sie steht das Selbstbestimmungsrecht der Völker im Mittelpunkt, daher kämpfen sie stets gegen tatsächliche oder imaginierte Formen der Fremdherrschaft, die der Ausübung dieses Rechts durch ihren Nationalstaat im Weg stehen könnten. Sie stören sich ferner an allen Einwohnern des Staates, die sie als nicht der dominanten Nationalität angehörig wahrnehmen und wollen diese entweder ausweisen oder assimilieren.

Das die beiden oft gleichgesetzt werden, liegt darin, dass wir im Zeitalter der Nationalstaaten leben, in dem das Nationalstaatsprinzip praktisch nicht mehr in Frage gestellt werden kann. Da (fast) alle Patrioten in Nationalstaaten leben, sind sie in der Regel auch Nationalisten.

Noch vor 150 Jahren sah das ganz anders aus. Sowohl in den großen Vielvölkerstaaten wie dem Habsburger Reich und dem zaristischen Russland wie auch in den vornationalen Kleinstaaten im späteren Deutschland und Italien waren Patrioten und Nationalisten oft erbitterte Gegner. Immerhin wollten letztere die etablierten Staaten, deren Anhänger erstere waren, zu Gunsten von noch zu schaffenden Nationalstaaten stürzen.

Ich will mit dieser Unterscheidung aber auch keinen qualitativen Unterschied machen. Nationalismus wie Patriotismus sind latent reaktionäre Ideologien, die dazu dienen, Herrschaftsstrukturen zu errichten und zu schützen und die Menschen angreifen, die nicht dazu gehören.

Ich denke allerdings auch, dass die Gleichsetzung beider Begriffe Teil einer Enthistorisierungsstrategie ist, die diese Ideologien schwerer angreifbar machen soll. Darum bestehe ich auf diese Differenzierung.

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4 Responses to Der Unterschied zwischen Nationalismus und Patriotismus

  1. Sind überzeugte Anhänger von Assad Patrioten oder Nationalisten? 😉

    Mich erinnert das an die Unterscheidung von republikanischen Nationalismus und völkischen Nationalismus, der eine gewisse Berechtigung hat, aber auch dazu führen kann, den Nationalismus erst recht zu verewigen, in dem man den Republikanischen affimiert und absolut trennt, von seinem Schmuddelkind.

    • P.M. says:

      Ich würde erwarten, dass sie beides sind, denn Assads Syrien hat ja den Anspruch, ein Nationalstaat zu sein. Und die Baath-Ideologie ist ja auch sehr nationalistisch.

      Und eine Unterscheidung wie du sie anführst will ich ja gerade nicht machen – siehe meinen ersten und vorletzten Absatz.
      Mir geht es darum, dass die beiden Ideologien auf vollkommen unterschiedlichen Ebenen funktionieren, weil ja nur der Nationalismus (ob jetzt völkisch oder republikanisch) konkrete inhaltliche Forderungen hat. Der Patriotismus affimiert nur blind den jeweils bestehenden Staat, darum hängt das Ausmaß seiner „Schmuddelkind“-Eigenschaft und generell seine Beziehung zum Nationalismus stark von dem Staat ab, auf den er sich bezieht.
      In den heutigen Staaten, die alle Nationalstaaten sind, gibt in der Praxis kaum einen Unterschied zwischen den beiden, aber ich meine halt, wir sollten zumindest in der Theorie den Unterschied schon noch machen, um das Nationalstaatsprinzip nicht zu enthistorisieren.

  2. Ah, ich hätte mich über Baath erkundigen müssen.

    Die Enthistorisierung von Nationalismus ist ein Problem. Die meiste Zeit der Geschichte wäre es kaum jemanden eingefallen, für Volk oder Kultur den Löffel abzugeben. Die Leute haben ja meist gar nicht in diesen Kategorien gedacht, was leider vielen heutzutage gar nicht bewusst ist.

    Ja du willst es nicht, aber du wendest eine ähnliche Differenzierung an.

    Der von dir beschriebene Patriotismus ist heute mit dem Nationalismus quasi deckungsgleich (sagst du ja selbst). Man teilt auch Dinge wie die Staatsgläubigkeit, die Vernutzung der Bevölkerung für das höhere Wohl oder die Negierung von Schicht- und Klassenunterschieden. Unter deinem Patriotismus gehen Feudalismus oder Stammesgesellschaften nicht auf. Da gibt es keinen Staat oder nur als Frühform und die Beteiligten erwarten durchaus Dinge wie Schutz, materielle Vorteile, auch ist die Identifizerung mit der Herrschaftsform nicht so weit vorangeschritten. Dein Patriotismus ist ja eine späte Entwicklung oder Ausnahme (vergleiche Römischen Staat) und Wegbereiter des Nationalismus. Die Unterscheidung von Patriotismus und Nationalismus ist also zu einem gewissen Grad ähnlich willkürlich wie die Unterscheidung von republikanischen Nationalismus und völkischen Nationalismus.

    • P.M. says:

      > Die Leute haben ja meist gar nicht in diesen Kategorien gedacht, was leider vielen heutzutage gar nicht bewusst ist.

      Genau, weil sie den Unterschied zwischen Nationalstaaten und vornationalen Formen von Staatlichkeit vergessen haben und glauben, alle Gesellschaftsformen hätten immer so funktioniert wie die heutigen. Darum setzen sie auch Nationalismus und Patriotismus in eins, denn deren Unterscheidung macht keinen Sinn, wenn man glaubt, alle Staaten wären immer Nationalstaaten.

      >Man teilt auch Dinge wie die Staatsgläubigkeit, die Vernutzung der Bevölkerung für das höhere Wohl oder die Negierung von Schicht- und Klassenunterschieden.

      Der Nationalismus ist nicht generell staatshörig, seine Hörigkeit beschränkt sich auf eine einzige Form von Staatlichkeit; die des Nationalstaats. Dem vornationalen Feudalstaat war er seiner Zeit spinnefeind und hat zum Beispiel dessen „Vernutzung der Bevölkerung“ durchaus kritisiert, obwohl er nach der Etablierung seiner Nationalstaaten praktisch dasselbe gemacht hat. Nationalbewegungen in der vornationalen Zeit waren aus den gleichen Grund auch häufig demokratisch und generell Teil größerer progessiver Bewegungen.

      >Unter deinem Patriotismus gehen Feudalismus oder Stammesgesellschaften nicht auf.

      „Stammengesellschaften“ natürlich nicht, weil die keinen Staat haben, aber Feudalstaaten auf jeden Fall. Der Patriotismus war die wichtigste ideologische Waffe der Apologeten der alten Ordnung im Spätfeudalismus.

      >Da gibt es keinen Staat oder nur als Frühform und die Beteiligten erwarten durchaus Dinge wie Schutz, materielle Vorteile, auch ist die Identifizerung mit der Herrschaftsform nicht so weit vorangeschritten.

      Ich würde sagen, dass die Identifikation der monarchistischen Eliten, die damals die Hauptträger des Patriotismus waren, mit ihren Herrschaftssystem gegenüber der Identifikation der heutigen Nationalisten/Patrioten mit ihrer Nation in keinster Weise zurückstand.

      >Dein Patriotismus ist ja eine späte Entwicklung oder Ausnahme (vergleiche Römischen Staat) und Wegbereiter des Nationalismus.

      Späte Entwicklung auf jeden Fall, Ausnahme auf keinen. Wegbereiter des Nationalismus nur in dem Sinne, dass letzterer sich ausdrücklich als Alternativ- bzw. Gegenangebot zum monarchistischen Patriotismus gesehen hat und sich daher insofern an ihm orientiert hat, dass er versucht hat, die selben Bedürfnisse zu befriedigen.

      >Die Unterscheidung von Patriotismus und Nationalismus ist also zu einem gewissen Grad ähnlich willkürlich wie die Unterscheidung von republikanischen Nationalismus und völkischen Nationalismus.

      Willkürlich ist in beiden Fällen nicht das Wort, was ich benutzen würde. Der Punkt ist, dass verschiedene Nationalismen versuchen, das gleiche Ziel mit unterschiedlichen Taktiken zu erreichen. Aber im Kern sind sie dasselbe, bzw. nur zwei verschiedene Auswüchse der gleichen Grundlage.
      Dagegen starten Patriotismus und Nationalismus mit unterschiedlichen Grundlagen, sind nur durch die zur Zeit herrschenden nationalistische Weltordnung in der Praxis nicht zu unterscheiden.

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