Die Presselügen der „Lügenpresse“

Den üblichen Narrativ über die „Lügenpresse“ und den angeblichen Vertrauensverlust in die Medien habe ich immer ganz putzig gefunden, weil er als Ausgangspunkt ein naives Vertrauens der Mehrheit der Bevölkerung in die Medien vorraussetzt, den ich so nie wirklich wahrgenommen habe. Die Medien erschienen demnach dem einfachen Mensch von der Straße früher als neutrale Berichterstatter, quasi öffentliche Wahrheitsverbreitungsinstitutionen, nun galten sie aber vielen Bürger als „gleichgeschaltete“ Propagandamaschinen, die kritiklos die Positionen der Regierung verbreiten. Diese Dichotomie wird selten hinterfragt (zumindest habe ich das bis jetzt kaum erlebt). Diejenigen unter den Medienleuten, die sich mit dem Komplex beschäftigen, geben den Anschuldigungen entweder (partiell) recht oder sie greifen die Teile der Bevölkerung, die diese Ansichten angeblichen vertreten, dafür an.

Ich habe allerdings, wie gesagt, Probleme, die ganze Konstruktion ernst zu nehmen. Dass es Leute gibt, die die großen Medien für Lügner halten, will ich gar nicht leugnen. Für einen Vertrauensverlust bräuchte es aber auch den Zustand, in dem das Vertrauen noch so unberührt war, wie es das Narrativ impliziert. In dem der Medienkonsument, der naiv alles glaubte, was er in Zeitungen las und im Fernsehen sah, noch den Normalfall darstellte. Der existierte aber (zumindest in meiner Wahrnehmung) schon ziemlich lange nur als Feindbild in der Phantasie von Verschwörungsideologen und Esotherikern. Dass die Medien eben keine gemeinnützigen Informationsvereine, sondern kapitalistische Unternehmen sind, denen Wahrheit nichts und Profit alles bedeuteten, war nur einer zu vernachlässigen Minderheit der Bevölkerung unbekannt. Die wenigen Langzeitstudien, die ich zu diesen Themen gelesen habe, scheinen die Position auch zu bestätigen.

Wenn dieses Narrativ also so wenig Realitätsbezug hat, dann stellt sich natürlich die Frage, warum es so beliebt ist. Oder, um genauer zu sein, warum gerade die Medien diese Anschuldigungen gegen sie selbst so sehr verbreiten.

Die Antwort darauf wurde mir erst in den letzte Monaten klar, als sich spiegel boot die „Lügenpresse“-Debatte zunehmend mit der um die Flüchtlingskrise vermischte. Hier zwingt sich ein Vergleich mit der Asyldiskussion der Neunziger geradezu auf. Auch zu dieser Zeit handelte sich die deutsche Mainstream-Presse einen schlechten Ruf ein, nur aus anderen Gründen: Die rassistische Hetze der großen Medien, allen voran dem Springer-Publikationen und dem Spiegel, gegen die Asylsuchenden führten maßgeblich zu der aufgeheizten Stimmung, die schließlich in mehreren Anschlägen gegen Geflüchtete und ihre Unterkünfte sowie schließlich zu der Beschneidung der Grundrechts auf Asyl durch den sogenannten „Asylkompromiss“ von 1993 gipfelte. Noch heute gibt es kaum einen polit- oder geschichtswissenschaftliche Artikel, der nicht mit der berüchtigten „Das Boot ist voll“-Schlagzeile des Spiegels bebildert ist.

Für die deutschen Medien ist so etwas natürlich nicht wünschenswert.

Es ist aber auch nicht davon auszugehen, dass sich die politischen Positionen der deutschen Verlagshäusern seitdem groß geändert haben. Sie wissen allerdings durch das Nachspiel der Neunziger nun, dass sie sich damit in der Bevölkerung nicht nur Freunde machen. Darum gehen sie jetzt subtiler vor.

Damit erklärt sich auch ihre Faszination für den „Lügepresse“-Vorwurf: Wie ein konservativer Politiker, der die rechtsradikale Konkurrenz beschwört, um seine eigene rechte Politik zu begründen, können sie jetzt die hetzerische Berichterstattung über die Flüchtlinge bringen, die sie ohnehin verbreiten wollen, das Ganze aber als eine Reaktion auf Kritik verkaufen. Sie präsentieren sich so als arme Getriebene, wenn sie nun wieder hetzen, können aber den schwarzen Peter dafür an eine Randgruppe, nämlich die „Lügenpresse“-Rufer von Pegida und Co., abschieben.

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Drei Thesen zur Griechenland-Krise und Deutschland

Erstens: Deutschland ist mitverantwortlich an der Griechenland-Krise

Die Banken, von denen Griechenland seinerzeit einen großen Teil der Darlehen genommen haben, die sie nun nicht zurück zahlen können, waren vor allem deutsche Banken. Dass Athen nicht in der Lage sein würde, die Kredite zurück zu zahlen war damals bereits absehbar. Die Banken haben aber dennoch mit ihnen Geschäfte gemacht, wohl weil sie wussten, dass die deutsche Regierung ihnen im Zweifelsfall den Rücken freihalten würde. Und tatsächlich: Als diese Banken aufgrund ihrer schlechten Geschäftspraktiken bankrott zu gehen drohten, wurden sie mit Milliarden deutscher und EU-Gelder gerettet. Als die Banken Griechenlands wenige Jahre später das gleiche Schicksal ereilten, wurden sie ihren Schicksal überlassen.

Zweitens: Deutschland profitiert von der Griechenland-Krise

Als exportorientiertes Land, das in erster Linie an Länder außerhalb der Euro-Zone verkauft, braucht es natürlich eine schwache Währung. Denn so können ihre amerikanischen und asiatischen Kunden günstiger (und damit mehr) deutsche Autos und Panzer erstehen, ohne dass die deutschen Verkäufer dadurch weniger Profite machen würden. Das Problem dabei ist natürlich: Je mehr Deutschland verkauft, desto mehr würde eigentlich auch der Wert der Währung steigen und damit ihre zukünftigen Profite sinken. Es sei denn, der Wert der Währung sinkt gleichzeitig aus einen anderen Grund, zum Beispiel durch den wirtschaftlichen Niedergang anderer Eurozonen-Staaten!

Daraus folgt, drittens: Der Ruin Griechenlands ist Ziel der deutschen EU-Politik

Das heißt auch, dass es, solange die deutsche Politik und Wirtschaft die EU dominieren, es keinen Schuldenerlass für Griechenland geben wird und auch kein Ausscheiden des Lands aus dem Euro, da beides den deutschen Interessen nicht entspricht. Und das bedeutet wiederum, dass die Kommentare deutscher Politiker zur Krise noch viel zynischer sind, als es auf den ersten Blick den Anschein hat.

Keine Weltregierung

Im verschwörungsideologischen Milieu sehr verbreitet ist die Vorstellung, die Abschaffung der Nationalstaaten zugunsten einer Weltregierung stünde in näherer Zukunft bevor.
Sie werde durch die üblichen transnationalen Netzwerke aus Bankern, Unternehmern und Politikern vorangetrieben, die die Welt beherrschten.

Was dabei übersehen wird: Alle die genannten Personengruppen beziehen ihre Macht primär über den Kapitalismus. Und dieser ist es, der die Nationalstaaten historisch hervor- und zum Erfolg gebracht hat.
Denn er braucht sie, weil er unterschiedliche Rechtsräume für seine verschiedenen Funktionen braucht:
Konsumentennationen, deren Bevölkerung wohlhabend genug sind, um sich ihre Produkte leisten zu können. In denen die Infrastruktur und Rechtssicherheit gibt, die zum Führen ihrer Unternehmen notwendig ist.
Produzentennationen mit niedrigen Lebenserhaltungskosten und Löhnen. Mit einer Rechtsunsicherheit, durch die optimale Ausbeutung der dortigen Arbeitskräfte nichts im Wege steht. Mit korrupten, weil armen Regierungen.

Eine Abschaffung der Nationalstaaten durch die, die von ihnen profitieren, ist also nicht zu erwarten.
Nationalismus und kapitalistischer Internationalismus sind also keine Widersprüche, sondern Seiten derselben Medaille.
Beide sind Notwendig für das Funktionieren dieses Wirtschaftssystems.

Elfter September, Antiamerikanismus, Deutschland

Wer über Verschwörungstheorien reden will, muss im Grunde auch zum 11. September 2001 Stellung nehmen.
Die Hypothesen und Mythen, die sich um die Anschläge ranken gehören zur Zeit auf jeden Fall zu den erfolgreichsten, die es in diesem Bereich gibt.

Dieser Erfolg ist grundsätzlich auch leicht zu verstehen. Er liegt natürlich auch in der Tragweite des Ereignisses selbst. Viele sehen in ihm ja den Auslöser einer Zeitenwende und obwohl ich diese Sicht nicht umbedingt teile, kann ich sie dennoch verstehen. Wer sich seinen Traum vom Ende der Geschichte auch durch die Kriege in Jugoslavien nicht vermiesen lassen wollte, musste ihn nun endgültig aufgeben. Die Anschläge und ihre Folgen prägten noch lange die Weltpolitik.

Das verschwörungstheoretische Herangehen wird zudem auch durch das Ereignis selbst nahegelegt. Zum einen sind auf jedem Fall Verschwörungen involviert – denn ohne die würde auch eine Terrororganisation wie Al-Qaida sicher nicht funktionieren. Zu anderen wiesen der Ablauf der Anschläge und die Reaktionen der US-Regierung darauf, bzw. die Informationen, die draüber verbreitet wurden, genug Ungereimtheiten auf, um Misstrauen zu rechtfertigen. Und wer, wenn in einem modernen Staat etwas merkwürdig abläuft, nicht die Geheimdienste verdächtigt, der hat in der Geschichte der letzten Jahrzehnte nicht aufgepasst.

Dass die meisten Verschwörungstheorien zu den Ereignissen des Elften Septembers trotzdem in die gleiche dogmatische, ideologische und meistens schlicht unsinnige Kerbe schlugen, die auch sonst die Deutung politischer Ereignisse dominiert, ist daher zwar schade, liegt aber in der Struktur der „verschwörungstheoretischen Szene“ begründet, über die ich mich bereits ausreichend geärgert habe.

Dennoch, ich verstehe die Funktion, die die „Inside Job“-Erzählungen in den USA ausführen. Viele Amerikaner scheinen sie als ideologisches Rüstzeug im Konflikt mit ihrer Regierung zu brauchen, die seit Beginn des letzten Jahrhunderts zunehmend repressiver geworden ist. Wenn für manche erst ein Terroranschlag mit eigenartigen Umständen kommen muss, um den eigenen Staat zu hinterfragen, dann ist es immernoch besser, als gar nicht.

Das ist aber etwas anders in Deutschland. Die enorme Popularität, die die Mysterien um 9/11 hierzulande auch nach ihren unmittelbaren politischen Nachwirken noch haben, überrascht mich etwas. Die „Inside Job“-Theorien hatten in Deutschland in vielen Fällen auch einen antiamerikanischen Grundton. Die Annahmen, dass amerikanische Geheimdienstler im Fall verwickelt sein könnten, wurde hier gerne so gedeutet, dass „die Amerikaner“ die Anschläge „selbst gemacht“ hätten und die amerikanischen Opfer damit zu einen gewissen Grad auch selbst Schuld wären.

Die herrschaftskritische Funktion, die die Theorien in Amerika haben, können sie hier schon lange nicht mehr ausüben. Im Gegenteil, je mehr und je offensichtlicher das amerikanische Empire am zerfallen ist und je mehr Deutsch-Europa sich zu einer neuen Großmacht ausbaut, desto weniger stehen die Verschwörungstheorien um den 11. September mit der Macht im Widerspruch.

Dennoch scheint auch hier ihre Beliebtheit nicht abzureißen und sie bleiben immernoch das Thema für Verschwörungstheorien schlechthin, trotz all dem Kram, der hier zur Zeit praktisch vor der Haustür abläuft. Das es um die Wahrheitssuche an sich geht, kann ich auch nicht glauben. Niemand interessiert sich für Wahrheiten, die ihm nichts bringen. Und es erklärt auch nicht die relative Beliebtheit, die das Thema im Vergleich zu anderen Verschwörungen hat.

Mir drängt sich vielmehr die Vermutung auf, den Grund gerade im Nutzen zu suchen, die dieser Diskurs für Mächtigen in Deutschland und Europa hat, indem er in den Abgesang auf die alte Weltmacht miteinstimmt, die sie in ihren Großmachtstreben zu überflügeln versuchen.

NSU, BDJ, Verfassungschutz

Als ich im vergangenen Jahr die Berichterstattung über die Aufklärungsarbeit an der Mordserie des NSU verfolgt habe, wurde ich öfter von Déjà-vus heimgesucht.

Das lag vor allem daran, dass ich mich in der Zeit davor zufällig mit der Geschichte des Bund Deutscher Jugend (BDJ) beschäftigt habe.

Diese neofaschistische Terrororganisation wurde 1950 von den ehemaligen Wehrmacht-Sanitäter Paul Lüth in Zusammenarbeit mit mehreren vormaligen Nazi-Funktionären aus NSDAP, SS und anderen Organisationen gegründet. Aufgabe des Bundes war es, im Falle einer kommunistischen Invasion oder Machtübernahme als „Stay-Behind“-Organisation Guerilla-Schlachten gegen den Feind zu führen. Dafür wurde die Nazigruppe auch von offizieller Seite unterstützt; der BDJ erhielt finanzielle Mittel vom CIA, dem Bundesinnenministerium und dem damals noch existierenden westdeutschen „Ministerium für gesamtdeutsche Fragen“. Gleichzeitig wurde der Bund von einigen westlichen Geheimdiensten teilweise auch ausgebildet und mit Waffen versorgt. Im Laufe der Zeit schien das Nazigrüppchen mit der ihnen zugeteilten defensiven Funktion nicht mehr zufrieden zu sein und begann, Listen von westdeutschen Politikern und Aktivisten anzulegen, die sie im Falle einer zunehmenden kommunistischen Bedrohung zu ermorden gedachten. Diese Liste enthielt neben den Namen einer Dutzend KPD-Mitglieder vor allem zahlreiche Persönlichkeiten aus der SPD, am Ende sogar Mitglieder der hessischen Landesregierung. Das wurde ihnen schließlich zum Verhängnis, denn der hessische Landesverfassungsschutz war mit den Mordplanen gegen seine Vorgesetzten überhaupt nicht einverstanden und zerrte den Geheimbund ins Licht der Öffentlichkeit. So wurde den Geheimnazis 1953 auch gegen den anfänglichen Widerstand der beteiligten Bundesbehörden der Prozess gemacht und der BDJ schließlich als Wiederbetätigung nationalsozialistischer Ziele verboten.

Interessant ist hierbei gerade die Rolle des Bundesverfassungsschutzes; die von dem Nazigeheimbund für ihre Mordpläne erstellten Personenlisten waren nach dem Muster aufgebaut, das auch das bundesdeutsche Amt benutzte. Ferner behinderte der Verfassungsschutz des Bundes offensiv die Aufklärungsarbeit des hessischen Landesamtes sowie der Polizei. Und auch die Nutzung von V-Männern des Bundesamtes in der Neonaziorganisation sorgte wie immer zu einigen Verwirrungen.
Eine weitergehende Aufklärung der Rolle, die der Verfassungsverfassungsschutz in der Affäre letztendlich hatte, konnte dieser leider auch verhindern.

Und hier finden sich dann auch meine Deja-Vus bei den Morden des aktuelleren Nazi-Bundes: Die Involvierungen des deutschen Inlandgeheimdienstes werfen abermals zahllose Fragen auf. Wiedereinmal beschweren sich Polizisten darüber, dass der Verfassungsschutz seine Ermittlungen behindert. Ein weiteres Mal spielen V-Männer des Amtes eine unrühmliche Rolle. Der NSU konnte ein Jahrzehnt lang ohne erhebliche Behinderung schalten und walten, sechs Menschen das Leben nehmen. Die deutsche Presse fabulierte über eine „Döner-Mafia“, wofür sie die Stichworte offenbar von Verfassungsschutz bekam, obwohl es damals schon genügend Hinweise auf den neonazistischen Hintergrund der Mordserie gab. Und wie auch beim BDJ mussten die Neonazis erst Angehörige einer Bundesbehörde, in diesem Fall eine Polizistin, ins Visier nehmen, damit ihnen das Handwerk gelegt wurde. Und wieder wurde die vollständige Aufklärung der ganzen Angelegenheit vom Verfassungsschutz verhindert, indem er wichtige Akten im Shredder verschwinden ließ.

Nun halte ich es aber sehr unwahrscheinlich, dass der NSU wie der BDJ im Auftrag von deutschen Geheimdiensten gehandelt hat. Schon die Kontrolle, die die bundesdeutschen und amerikanischen Geldgeber auf den damaligen Nazibund gehabt haben, war ausgesprochen schwach; ich denke, das zeigt die Affäre, die zu seiner Auflösung geführt hat, recht deutlich.

Das eigentliche Problem ist aber, würde ich sagen, dass das auch gar nicht nötig gewesen ist. Die beiden Fälle, die unzähligen ähnlichen Affären in der Zwischenzeit wie auch die jahrzehntelange Finanzierung von Dutzenden von Nazigruppen durch die V-Mann-Praxis der Verfassungsschutzämter deuten darauf hin, dass es gewisse Sympathien bei den deutschen Geheimdiensten für rechtsradikales Gedankengut gibt.

Das ist auch nicht so überraschend, wenn wir auch einen Blick auf die Geschichte des Amtes werfen. Der deutsche Geheimdienst wurde nämlich unter starker Mitarbeit ehemaliger GESTAPO-Kader aufgebaut.
Das ist nun aber kein Spezifika der Dienste. Im unmittelbaren Nachkriegsdeutschland bestanden auch die meisten anderen Institutionen und Unternehmen zu einen guten Teil aus Ex-Nazis. Nur standen die Mehrheit, ob nun staatlich oder privat, unter dem Blick und Druck der Öffentlichkeit. In den politischen Klima der kulturellen Reformen der 70er Jahre konnten die meisten sich ihre hohe Nazi-Konzentration nicht mehr lange leisten und entnazifizierten sich zu großen Teilen. Auf die Geheimdienste trifft das nicht zu. Sie sind, wie der Name schon sagt, geheim und entziehen sich dem Auge und der Kritik der Öffentlichkeit. Sie sind außerdem weitgehend autonom und beschaffen sich ihr Personal selbst und bilden es – auch ideologisch – weitgehend selbst aus. Insofern ist es so ganz so überraschend, dass dieses von Altnazis gegründete Amt heute neue Nazis bei ihren Verbrechen deckt.

Solange der Dienst aber so unkontrolliert handeln kann wird die jüngste Naziaffäre des Amtes genausowenig seine letzte gewesen sein, wie es seine erste war.

Die deutschen Medien und der Nahostkonflikt

Diesen Text habe ich im Juli 2012 als Kommentar unter einen Webartikel gesetzt, um die zunehmende Israelfeindschaft im Bezug auf den Konflikt mit dem Iran in der deutschen Medienöffentlichkeit zu kommentieren.

Israel hat kein Interesse an einem Krieg im Nahen Osten. Seine Militär- und Sicherheitsexperten haben oft genug klar gemacht, dass eine schnelle Zerstörung der iranischen Militäranlagen illusorisch ist. Und so, wie die weltpolitische Situation zur Zeit ist, würde ein militärisches Vorgehen drohen, den jüdischen Staat in die internationale Isolation drängen. Der einzige Grund, warum die militärische Option noch so offen auf dem Tisch steht, ist der, dass die derzeitige Regierung dort die Drohkulisse aufrechterhalten will, da sie immer noch hofft, den Iran durch Drohungen zum Einlenken zu bringen.

Denn auch der Iran hat kein Interesse an einem Krieg. Innenpolitisch ist das Mullahregime so instabil wie lange nicht mehr und kann sich ein solches Risiko zur Zeit nicht leisten. Zumal es militärisch Israel in keinster Weise gewachsen ist.

Auch die USA kann kein Interesse an einem Krieg haben. Die letzten Versuche waren ein Desaster für die ehemalige Supermacht, ihr weltpolitische Einfluss ist auf einem Tiefpunkt und die Bevölkerung kriegsmüde wie nie. Gerade für Obama, der vor allem ja auch als “Friedenspräsident” gewählt wurde, wäre ein Nahostkrieg unter US-amerikanischer Beteiligung der politische Bankrott.

Die einzigen, die von einem Krieg zwischen Israel und dem Iran profitieren würden, sitzen in Deutschland. Für die Bundesrepublik bildet die Rüstungsindustrie einen der wichtigsten Wirtschaftszweige und sie ist auch eine der wichtigsten Waffenlieferanten von diversen Staaten im Nahen Osten.
Es ist insofern nicht erstaunlich, das Deutschland als eines der wenigen westlichen Länder den Boykott des Irans nicht mitgetragen hat. Würde der Iran einlenken, würde sich die politische Situation entspannen. Entspannt sie sich, werden weniger Waffen gekauft, auch aus Deutschland. Verschärft sie sich jedoch, im Extremfall bis zum Krieg, werden die Nahoststaaten wesentlich mehr Waffen kaufen, vor allem natürlich beim “Exportweltmeister” Deutschland.

Es sollte daher ebenso nicht überraschen, dass die Redakteure der großen deutschen Medienkonzerne, die von Regierungspolitikern und Wirtschaftsunternehmern regelmäßig zu Banketten und Geburtstagsfeiern geladen werden, einen neuen Nahostkrieg geradezu herbeizuschreiben versuchen.

Herrschaftssichernde Funktion von Verschwörungstheorien

Verschwörungstheoretiker sind im Grunde alle, die Theorien über Verschwörungen anstellen. Darum bezeichnet der Begriff so viele unterschiedliche Personen, wie Verschwörungen denkbar sind. Sie unterscheiden sich inhaltlich, aber auch in der Art und Weise, mit der sie ihre Thesen vertreten.

Was aber meiner Erfahrung nach die meisten Verschwörungstheoretiker gemeinsam haben, ist, dass sie sich als irgendwie herrschaftskritisch ansehen. Ihre Theorien sollen in der Regel (bestimmte/gegenwärtige) Herrschaftsverhältnisse aufdecken oder delegitimieren und das blinde Vertrauen in sie stören.

Darum sind die üblicheren, beliebteren Verschwörungstheorien die, die dabei besonders auf die Pauke hauen, das heißt, „ihre“ Verschwörungen als besonders mächtig und skrupellos charakterisieren. Die extremste Form stellen dabei die „Zentralsteuerungshypothesen“ dar, die von einer einzelnen Verschwörung ausgehen, die seit Jahrhunderten und weltweit die wichtigsten weltpolitischen und ökonomischen Ereignisse veranlasst hat.

Trotz ihrer stark zugespitzten Position sind sie innerhalb der „Verschwörungsszene“ nicht so stark isoliert, wie vielleicht zu vermuten wäre, sondern finden oft ein breites Publikum. Aber auch die gemäßigteren, beliebten Theorien neigen dazu, Verschwörercliquen, Regierungen oder Geheimdiensten ohne weiteres die stets erfolgreiche Inszenierung recht umfangreicher Ereignisse zuzutrauen. Diese Formen von Verschwörungstheorien stellen innerhalb ihrer subkulturellen Szene meiner Erfahrung nach den „Mainstream“ da und reichen immer mal wieder auch in den tatsächlichen Mainstream herein.

Ich denke, die Theorien wollen durch die Zuspitzung ihrer Beschuldigungen auch die verschwörungstheoretische Herrschaftskritik verstärken. Neben dem Sensationalismuseffekt soll die Schwere der Vorwürfe, die sie gegen ihre Gegner erheben auch den Delegitimierungseffekt verstärken. Meiner Meinung nach machen sie dabei aber einen entscheidenden Fehler, indem sie davon ausgehen, dass die Herrschaftssysteme, die sie kritisieren eben vor allem durch das Vertrauen derer Bürger in sie gestützt wird, das sie dann durch ihre Beschuldigungen brechen können. Herrschaft wird aber durch Furcht mindestens genauso stark gestützt. Sei es nun Furcht vor den Herrschenden selbst, Furcht von denen, vor denen sie ihre Untertanen beschützten, oder eine Mischung aus beiden. Je machtvoller und skrupelloser die Verschwörer in der Theorie erscheinen, umso stärker stützt sie eben auch die Herrschaft, die sie eigentlich bekämpfen will. Darum ist es auch nicht verwunderlich, dass viele autoritäre Staaten des 20. Jahrhunderts, wie russische Zarenreich, das NS-Deutschland oder die Ostblockdiktaturen während des Stalinismus (und teilweise noch danach), massiv an der Förderung von Verschwörungstheorien mitgearbeitet haben.

Auf der anderen Seite ist dieser Effekt sicher auch für die Beliebtheit dieser Theorien verantwortlich, denn sie entschuldigt die Passivität derjenigen, die mit der herrschenden Situation unzufrieden sind. Je geheimer und skrupelloser die Verschwörer dargestellt werden, desto zweckloser ist jeder Protest und jede Kritik; je machtvoller und umfangreicher die Verschwörung, desto weniger Erfolgsaussichten hat ein Umsturzversuch oder etwas ähnliches. Die Anhänger dieser Art des Verschwörungsdenkens können also weiterhin als Gegner der Unterdrückung betrachten und auf die „sheeple“, also die vertrauensseligen Untertanen, herabsehen, ohne dem irgendwelche konkrete Aktionen folgen zu lassen, denn es hätte ja eh keinen Sinn. Konkrete Handlungsanweisungen gibt es von ihnen daher auch selten, allenfalls leere Floskeln, wie, endlich „aufzuwachen“, die „rote Pille zu schlucken“, etc., höre ich von ihnen regelmäßig.

Ich finde, dafür gibt es wenig Rechtfertigung. Unabhängig davon, wie viel Realitätsbezug eine Theorie hat; jede Verschwörung, die noch am Laufen ist, hält einen Großteil ihrer Aktivitäten geheim, sonst würde sie nicht funktionieren. Es ist also nicht möglich, eine vollkommen klare Sicht auf sie zu bekommen, sie können wir nur entweder über- oder unterschätzen. Und wer sich da für die erste Option entscheidet, der tut das nicht ohne Grund.