Deutsche Traditionen

Geschichte wird immer absichtsvoll geschrieben. Das gilt ebenso für den Teil der Geschichte, der bewusst nicht geschrieben wird, aber auch für den, der einfach im Allgemeinen nicht vermittelt wird. Ich beschäftige mich daher gerne mit den historischen Ereignissen, die in Deutschland nicht gerne an die große Glocke gehängt werden. Das gilt unter anderem für die Geschichte des Deutschen Ordens, der der Öffentlichkeit in diesem Land größtenteils nicht bekannt zu sein scheint. Zu Unrecht, wie ich finde, denn es ist ein sehr interessantes Thema und auch für das heutige Deutschland noch aufschlussreich.

Ursprünglich im Nahen Osten als Kreuzfahrerbund gegründet, siedelte der Deutsche Orden 1226 auf Geheiß des Herzogs von Masowien nach Preußen, um die dort lebenden Menschen zu bekehren. An der Verbreitung ihres Glaubens waren die ehemaligen Kreuzritter aber offenbar weniger interessiert als am Kampf gegen die Heiden. Tatsächlich überlebten die Schwertmission des Orden fast 80 % der ursprünglichen pruzzischen Bevölkerung nicht. Die Deutschen Ritter begannen nun schnell, sich in dem weitgehend entvölkerten Land einen eigenen Herrschaftsbereich aufzubauen. Um auch noch Untertanen zu haben, über die sie herrschen konnten, brachten die Ritter Leibeigene aus dem Heiligen Römischen Reich nach Preußen, um die getöteten Ureinwohner zu ersetzen. Diese Praktik diente später als Vorbild für die „Lebensraum“-Politik der Nazis.

Durch die Verwendung seiner Wappen stellt sich die Bundeswehr in die Tradition einer Bruderschaft von Massenmördern

Durch die Verwendung ihrer Wappen präsentiert sich die Bundeswehr bewusst in der Tradition einer Bruderschaft von Massenmördern

Für die deutsche Geschichte ist das Ordensland insofern interessant, da es sich um den ersten Staat handelt, der sich explizit als deutsch identifizierte. Tatsächlich wies er bereits zahlreiche der Charakteristika auf, für die spätere deutsche Staaten traurige Berühmtheit erlangten: Krieg, Imperialismus und Genozid waren selbstverständliche Mittel seiner Politik, und seine Kultur zeichnete sich durch ein elitäres Standesdenken aus, wie durch seine christliche Staatsreligion und eine eliminatorische Judenfeindlichkeit, wie sie für Kreuzritter typisch war.
Dennoch entschied sich viele Jahrhunderte später die junge Nationalbewegung, die sich in der frühen Neuzeit in den Territorien des ehemaligen Heiligen Römischen Reiches ausgebildet hatte, trotz der zahlreichen Alternativangebote, die die heterogene Geschichte des „Flickenteppichs“ bot, recht schnell für die Deutsche Identität und stellte sich damit implizit in die Tradition des Ordensstaates. Grund dafür war wahrscheinlich die Dominanz des preußischen Königreichs, das selbst als teilweise säkularisierter Nachfolger des deutschen Kreuzfahrerreiches entstanden war.

Der deutsche Staat stellt sich bis heute durch seine Symbole und sein Selbstverständnis in diese Tradition. Eine kritische Außeinandersetzung damit findet aber weder im schulischen Geschichtsunterricht noch in der medialen Öffentlichkeit statt.
Das geschieht vermutlich aus dem gleichen Grund, warum zum Beispiel auch der Genozid an den Herero und Nama durch das Kaiserreich in Schule und Öffentlichkeit praktisch vollständig ausgeblendet wird.
Geschichtsbewältigung beschränkt sich in Deutschland auf den Nationalsozialismus, allerdings immer, ohne die jahrhundertelange Tradition deutschen Imperialismus und Völkermords zu berücksichtigen, die ihn hervorgebracht hat.

So wird der NS zu einer historischen Ausnahme sterilisiert, die er so nicht ist, zu einer Art Ausrutscher einer ansonsten tadellosen Nation. Mit dieser Sichtweise fällt es auch nicht schwer, ihn als etwas von außen kommendes zu verklären, mit beliebten Argumenten alá „Hitler war doch Österreicher“ oder durch eine Überbetonung der wenigen ausländischen Geldgeber der Nazis bei gleichzeitiger Ausblendung ihrer zahlreichen deutschen. Es ist wahrscheinlich auch der Grund für hohe Beliebtheit, die Vergleiche zwischen NS und DDR zu haben scheinen; denn letztere war ja zweifellos ein von außen aufgezwungenes System.
Es ist anzunehmen, dass auch die starke Beschäftigung mit seiner faschistischen Geschichte Deutschland letztendlich nur von außen aufgezwungen wurde. An einer Aufarbeitung der gesamten Verbrechen der deutschen Geschichten aber hatten die Siegermächte wohl aufgrund des sich anbahnenden Kalten Krieges scheinbar kein Interesse. Dabei wäre sie notwendig geworden.

Von wegen „Parteiendemokratie“

Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche“ – Diese Worte, mit denen Kaiser Wilhelm II. das deutsche Volk im August 1914 auf den Ersten Weltkrieg einschwor, sind wohl das bekannteste Zitat des Herrschers. Und auch in der heutigen Zeit, würde ich fast vermuten, käme solch eine Rhetorik gut an, angesichts der vielen Blogeinträge und Zeitungskommentare, die sich zur Zeit über den „Parteienstaat“ Deutschland ereifern.

Nur war der Kontext von Wilhelms Rede natürlich ein anderer und der Monarch natürlich auch kein vom System enttäuschter Staatsbürger. Die politischen Parteien hatten damals noch eine viel klarere Funktion. Wie der Name schon sagt (der sich vom lateinischen Wort pars, für Teil, herleitet), sollte jede Partei einen bestimmten Teil der Bevölkerung vertreten und ihn im gesellschaftlichen Interessenkonflikt mit dem Rest der Gesellschaft zum Erfolg verhelfen. Darum hatten die alten Parteien Deutschlands meistens ein sehr klares soziales Profil; die SPD war damals noch explizit die Partei der Arbeiter, die Deutschnationale Volkspartei machte keinen Hehl daraus, dass sie vor allem den Interessen von Adel und Klerus diente und die unterschiedlichen liberalen Parteien vertraten alle relativ explizit die verschiedenen bürgerlichen Schichten. Und genau darauf spielte Wilhelm II. an, als er mit den genannten Zitat zum Burgfrieden rief: Die verschiedenen Klassen und Stände des Kaiserreichs sollten ihre Interessen zurückstecken und sich dem Wünschen von Herrscher und Staat unterordnen. Und diesem Wunsch kam damals leider auch das gesamte Parteienspektrum nach.

Insofern nur konsequent, dass nur wenige Jahre später eine deutsche Partei gegründet wurde, die sich dem klassischen Verständnis von Parteien entgegen stellte: Die NSDAP betrachtete sich als Volkspartei und hatte damit den Anspruch, nicht mehr einer bestimmten sozialen Schicht zu dienen, sondern den gesamtgesellschaftlichen Interesse. Obwohl die Nazi-Partei langfristig scheiterte, wurde sie dennoch später in dieser Hinsicht durchaus Vorbild für die Nachkriegsneugründungen.
Die CDU war von vornherein als Volkspartei angelegt und auch die ehemalige Arbeiterpartei SPD reformierte sich nach diesen Muster.
Das moderne Selbstverständnis von Parteien widerspricht also entschieden dem, über das sich der Kaiser 1914 so aufgeregt hatte. Die heutigen Großparteien betrachten sich offensichtlich eher als allgemeine Gemeinwesensverwaltungsunternehmen, die miteinander mit im Grunde den gleichen Zielsetzungen um prinzipiell dieselbe Zielgruppe konkurrieren.
Das war für ihren Umbau nach dem Vorbild von Unternehmen auch notwendig: Es gibt ihnen zumindest theoretisch die Option einer Ausweitung ihres Klientels auf die gesamte Gesellschaft.

Damit sind sie aber natürlich keine Parteien im Wortsinn mehr.
Es trägt auch zu der programmatischen Unschärfe bei, unter dem die heutige Politik so leidet. Denn während Klassen (zumindest, wenn sie einigermaßen scharf definiert sind), zu einen gewissen Grad immer auch Interessengemeinschaften sind, gibt es kein gesamtgesellschaftliches Interesse. Folglich wird, was „gut für das Land“ ist, definiert von denen, die die Deutungshoheit in der Gesellschaft besitzen und solche Begriffe definieren können. Das sind allerdings dann auch meistens die, die ohnehin die meiste Macht haben und parlamentarische Repräsentation zur Durchsetzung ihrer Ziele eigentlich am wenigsten nötig. In einen kapitalistischen Staat wie Deutschland sind das die Unternehmer, darum ist der Neoliberalismus die dominierende politische Richtung in beiden großen Volksparteien und wird auch von denen übrigen praktisch nicht in Frage gestellt.

Am heutigen Deutschland würde der Weltkriegskaiser vermutlich seine Freude haben. Denn Parteien gibt es hier kaum noch, Deutsche im Sinne Wilhelms dafür umso mehr: Der aktuelle Bundespräsident wurde von allen großen Parteien aufgestellt und gewählt, ohne ernstzunehmende Gegenkandidaten. Linke Oppositionspolitiker wurden von der hiesigen Medienöffentlichkeit zusammengestaucht, als sie die Solidarität mit ihren griechischen Genossen wichtiger nahmen als das internationale Ansehen ihrer Kanzlerin. Und wer sich gegen die aktuelle deutsche Osteuropapolitik ausspricht, darf sich, wie letztens in der FAZ, auch wieder als russischer Agent beschimpfen lassen.

Wenn auch viele den Weltfrieden zur Zeit in Gefahr sehen, um den Burgfrieden muss sich hierzulande zumindest niemand Sorgen machen.

Zum „Kalten Krieg“ in der Ukraine

Die Aufstände um den Maidan-Platz, die zum Sturz der alten Regierung in Kiev geführt haben, waren von Anfang an nationalistisch geprägt. Das trifft nicht nur auf den tatsächlich faschistischen Teil der Bewegung zu, auch in der Mehrheit der Protestierenden, die eher demokratisch orientiert waren, waren Sprüche wie „Ukraine über alles“ üblich. Das Hauptziel der Bewegung, die Absetzung des moskautreuen Kabinetts Janukovitschs, spiegelt eines der wichtigsten Motivationen klassischer Nationalbewegungen wieder; die Befreiung von tatsächlicher oder angenommener Beeinflussung durch fremde Mächte.

Nur hat der Nationalismus immer zwei Seiten: Es geht ihm nämlich um eine Durchsetzung des Dominanzanspruchs der eigenen Nation im von ihr beanspruchten Staat. Das richtet sich einerseits gegen Bevormundung von außen, aber eben auch gegen ethnisch Anderer innerhalb des eigenen Staates.

Darum hatten die Demokraten, die die Maidanbewegung klar dominierten, auch keine Probleme, mit Faschisten und Rassisten zusammenzuarbeiten und ihnen nach den Sieg der Aufstände sogar hohe Posten in der Regierung zuzubilligen (Vizeministerpräsident und Verteidigungsminister immerhin), denn auch sie waren mehrheitlich Nationalisten und in den (für sie) wesentlichen Punkten teilten sie ihre Auffassung mit den Antidemokraten durchaus. Nicht umsonst war eines der ersten Gesetze des alten Regimes, die durch die neue Regierung aufgehoben wurden, eine Regelung zum Schutz von Minderheitensprachen.

In den Peripheriegebieten der Ukraine, die allgemein ethnisch heterogener sind, werden die Zeichen aus Kiev, die im Westen so viele vorsätzlich ignorieren, durchaus richtig gelesen. Das ist der wichtigste Grund für die aktuellen Unruhen im Osten des Landes.

Es geht hier um Nationalismus und den Abwehrkampf dagegen. Die Ukraine ist erst seit relativ kurzer Zeit ein Nationalstaat geworden. Davor war sie jahrhundertelang Teil von Vielvölkerstaaten, der Habsburger Monarchie, dem Zarenreich, der Sowjetunion. Sie ist ethnisch heterogener als viele der anderen übrigen europäischen Länder zu Beginn ihrer Nationalstaatlichkeit. Die nötige relative ethnische Homogenität haben diese sich vorher über Jahre mehr oder weniger gewaltsam hergestellt. Dazu kam es in der Ukraine nicht. Wenn nun Teile der ukrainischen Bevölkerung durch das Beschwören dieses Nationalismus ihren Staat neu erfinden wollen, dann muss das natürlich zu Konflikten mit dem Rest führen.

Worum es hier nicht in erster Linie geht: Russland und den Westen. Auch wenn das in Berlin, Washington und Moskau nicht bei allen angekommen ist.

Die deutschsprachige Wikipedia zum Beispiel bezeichnet in ihren Artikel zu den Unruhen im ukrainischen Osten die Aufständischen konsequent als „prorussische Seperatisten“ obwohl sie in der Einleitung dazu durchaus zur Kenntnis nimmt, dass es ihnen mehrheitlich nicht um einen Beitritt zu Russland, sondern um mehr föderalistische Rechte innerhalb des ukrainischen Staates geht. Dennoch werden sie, weil sie Gegner der gegenwärtigen, pro-westlichen Kiever Regierung sind, im dualistischen Kalten-Krieg-Duktus zu Marionetten Putins erklärt. Denn wer nicht auf der einen Seite des imaginierten Ost-West-Konfliktes steht, muss im Sinne dieser Logik auf der anderen stehen. Die DPA hält es in ihrer Berichterstattung genauso und da fast alle deutschen Medien dort abschreiben, ist es hierzulande praktisch offizielle Realität geworden.

Natürlich ist das auch irgendwie nicht überraschend, denn die meisten westlichen Regierungen und Medien unterstützen die neue Regierung in Krim. Und dank der frisch aus der Mottenkiste geholten Kalter-Krieg-Rhetorik brauchen sie nicht begründen, warum ein Regime mit faschistischer Regierungsbeteiligung unterstützenswert sein soll, sondern können einfach auf den offensichtlichen Despoten Putin zeigen und damit hat sich dann die Diskussion erübrigt. Denn der Feind unseres Feindes ist unser Freund und wer nicht mit uns ist, ist gegen uns, 2014 wie 1974.

Aber das hier ist kein Neuer Kalter Krieg, zumindest müsste es keiner sein, wenn die Imperialisten in West und Ost es nicht dazu machen würden.

Neowilhelminismus

Vor hundert Jahren begann der erste Weltkrieg. Ein enorm wichtiges Jubiläum, immerhin ist die Bedeutung des Ereignisses, das sich hier jährt, kaum zu unterschätzen.

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Deutsche Außenpolitik 1871 bis 1945, 1998 bis heute.

Dieser Jahrestag wird auch im ganzen Land von Medien und Bildungseinrichtungen begangen, aber von der kritischen Beschäftigung mit dem Weltkrieg ist in der deutschen Öffentlichkeit kaum etwas geblieben. Stattdessen wird das Feld von Revisionismus bestimmt; ausgerechnet dieses runde Jubiläum steht ganz im Zeichen der Relativierung deutscher Kriegsschuld. Hinter jeder Ecke wird der „Schlafwandler“ Christopher Clark hervorgeholt und als Kronzeuge für gleiche, gemeinsame Verantwortung aller Großmächte von 1914 präsentiert und auch Ernst Nolte sollte sich zur Zeit so viel Aufmerksamkeit erfreuen wie seit 1987 nicht mehr. Und wenn auch noch der deutsche Oberhistoriker Guido Knopp durch das Land zieht und Vorträge über den „Dreißigjährigen Krieg des 20. Jahrhunderts“ hält, wird damit auch der Zweite Weltkrieg gleich mit abgehakt. Wenn es endlich um die Absolution Deutschlands geht, ist die historische Realität eben ein akzeptierter Kollateralschaden.

 Ich denke aber nicht, dass es hier nur oder in erster Linie um die Geschichte oder das nationale Selbstverständnis geht. Die Rehabilitierung des deutschen Imperialismus, der vor einem Jahrhundert zum Ersten Weltkrieg führte, ist auch deshalb tagespolitisch wichtig, weil er spätestens seit 1998 auch wieder die Außenpolitik der Bundesrepublik bestimmt.

Das eine der ersten außenpolitischen Großtaten Deutschlands nach der Wiedereringung der Souveränität ausgerechnet in der Beteiligung an der Bombadierung Belgrads (in guter Tradition von 1914 und 1941) kann nur der Naivste für einen Zufall halten. Genau wie die Tatsache, dass es mit Erich Rathfelder und anderen vor allem deutsche Journalisten waren, die seinerzeit die kriegsbegründenden Massengräber im Kosovo gefunden haben wollen, deren Existenz aber bis heute trotz intensiver internationaler Untersuchungen nicht nachgewiesen werden konnte. Und das viele der Nachfolgestaaten des aufgelösten Bundesstaates Jugoslavien lange Zeit die D-Mark als Währung benutzen mussten, hat der exportfixierten deutschen Wirtschaft sicher auch nicht schlecht gepasst.

Und wenn die Krisenpolitik der letzten Jahre vor allem darin besteht, dass deutsche EU-Funktionäre gewählte italienische und griechische Ministerpräsidenten wie Berlusconi oder Papandreou entlassen und durch Berlin-freundliche Marrionettenregireungen ersetzt werden, zeigt auch, dass diese Politik keine Episode oder Spezifikum der Schröder-Regierung war, sondern bis zum heutigen Tag fortgesetzt wird.

Das ist in der Tat auch als späten Sieg Hollwegs interpretierbar.

Die Beschäftigung des heutigen, offiziellen Deutschlands mit dem Erbe des Ersten Weltkriegs reduziert sich also nicht auf blinde Gedenkfeiern. Die Mächtigen in diesen Land haben aus dem Krieg gelernt. Zum Beispiel, dass es nicht immer Afrika sein muss. Platz an der Sonne gibt es zum Beispiel auch in Südeuropa mehr als genug.

Wilhelminische Union

Es ist gar nicht so lange her, dass ich mich in diesen Blog mit der Kontinuität zwischen dem Kolonialreichen des Ersten Weltkrieg (v.a. dem Deutschen) und der heutigen EU beschäftigt habe.

In der Titanic dieses Monats wird das Thema von Stefan Gärtner in der für die Satire-Zeitschrift üblichen ironisch-polemischen Weise ebenfalls behandelt.
Gärtner zitiert gegen Ende des Artikels aus dem „Septemberprogramm“ Reichskanzler Hollwegs, dass die Neuordnung Europas nach dem deutschen Sieg regeln sollte:
„Es ist zu erreichen die Gründung eines mitteleuropäischen Wirtschaftsverbandes durch gemeinsame Zollabmachung, unter Einschluss von Frankreich, Belgien, Holland, Dänemark, Österreich-Ungarn, Polen (…) und evtl. Italien, Schweden, Norwegen. Dieser Verband, wohl ohne gemeinsame konstitutionelle Spitze, unter äußerlicher Gleichberechtigung seiner Mitglieder, aber tatsächlich unter deutscher Führung, muß die wirtschaftliche Vorherrschaft Deutschlands über Mitteleuropa stabilisieren.“

„Das tut er bekanntlich längst“ resümiert Gärtner, und ich denke, damit sollte eigentlich auch die Frage erledigt sein, warum die hiesigen Staatsmänner und -frauen immer so konsequent zu der Europäischen Union gestanden haben.
Sie stehen damit eben in guter deutscher Tradition.

Neue Aufgaben für die NATO

Erinnert sich noch jemand an die Staaten des Warschauer Pakts? DDR, Sowjetunion und so?
Miese Unrechtsstaaten waren das, das war schon von außen zu sehen, gerade hier in Deutschland. Ein Blick auf die Grenzen genügte: Nicht nur haben sie die befestigt, mit allerlei Mauern und Stacheldraht, sie haben auch nicht davor zurückgeschreckt mit militärischer Gewalt gegen die vorzugehen, die versucht haben, diese Grenzen zu überqueren.

Die NATO wurde ja deshalb gegründet, um diese menschenverachteten Regimes zu bekämpfen. Als der Wahrschauer Pakt dann Anfang der Neunziger zusammengebrochen ist, muss für die Generäle und Funktionäre des Westbündnis die Freude des Sieges einen bitteren Nachgeschmack gehabt haben, denn dadurch kam ihn ja ein Stückweit die Existenzberechtigung abhanden.
Die letzten zwanzig Jahren waren ja für die NATO eine erfolglose Suche nach einer neuen Grundlage.
Darum freue ich mich, dass das Bündnis jetzt endlich wieder eine angemessene Aufgabe gefunden hat.

[via fefes blog]

Der Islam als Spielart des Christentums

Wer hat den längsten

Wer hat den Längeren??

Das ist eine Erfahrung, die ich oft gemacht habe: Wenn ein Konflikt zwischen zwei Gruppen, Positionen etc. in den Medien und der Öffentlichkeit stark dualistisch inszeniert wird, dann ist es meistens eine gute Idee, skeptisch zu werden und die Prämisse zu hinterfragen. Häufig geht es darum, durch den Fokus auf die beiden Kontrahenten und ihre Gegensätze etwas zu verschleiern, zum Beispiel, wie ähnlich und verwandt die beiden Seiten eigentlich sind.

Im vergangenen Jahrzehnt wurde nicht so sehr inszeniert, wie der angebliche Konflikt zwischen „dem Islam“ und „dem Christentum“. An wenig lässt sich das so gut veranschaulichen wie an dem oft parodierten Titelblatt des „Spiegel“, eines Nachrichtenmagazin, das in Deutschland bei dieser Inszenierung an vorderster Front stand.

Dieses Theaterstück triebt mitunter auch eigenartige Stilblüten: Mich persönlich hat immer die konsequente Verwendung des Namens „Allah“ für den Gott der Muslime irritiert, obwohl dieser Begriff lediglich die arabische Bezeichnung für den pan-abrahitischen Götzen ist und unter anderem auch von arabisch-sprechenden Christen verwendet wird. So sollte wohl auch eine Wesensungleichheit der arabischen und christlichen Verehrungsobjekte konstruiert werden, die die Theologie so eigentlich nicht hergibt.

Dass diese Sichtweise eine Besonderheit der Moderne ist, zeigt auch ein Blick in die Geschichte: Die ersten christlichen Quellen, die den Islam nennen, stammen aus den Berichten der Ostchristen, die, im Gegensatz zu ihren westlichen Glaubensbrüdern, mit den frühen Muslime durchaus regelmäßig zu tun hatten und sie eben nicht als eine grundsätzlich anderer Religion sahen: Im Gegenteil, der christliche Theologe Johannes von Damaskus (gestorben 750) beschreibt die Glaubesgemeinschaft Mohammeds als christliche Häresie! Damit fällt er auch nicht aus der Reihe, diese Interpretation des frühen Islams war unter seinen zeitgenössischen Glaubensgenossen üblich (und wird auch heute noch von einigen Islamforschern vertreten). Wichtigster Bezugspunkt dieser Sichtweise war eine Figur des Korans, der christliche Mönch Bahirâ. Dieser Geistliche, der laut dem heiligen Buch der Muslime Mohammed als erster auf seine religiöse Bestimmung aufmerksam gemacht haben sollte, war den Ostchristen als christlicher Häretiker bekannt und wurde von ihnen als eigentlicher Urheber des neuen Bekenntnisses interpretiert.

Anzeichen, die auf eine Wesensgleichheit von Christentum und Islam schließen lassen, gibt es auch auf der anderen Seite: in der Beschreibung des jüngsten Tages der sunnitischen Tradition. Hier spielt die Figur des „al-Mahdi“ eine besondere Rolle, eine Art muslimischen Messiahs, der die letzte Glaubensgemeinde leiten und das Reich Gottes auf Erden begründen soll. Ihm wird in den meisten Überlieferungen Jesus Christus an die Seite gestellt, der ihn dabei unterstützen soll und als sein Bruder beschrieben wird.

Einige radikalere Sekten gehen allerdings so weit, Jesus und den al-Mahdi gleichzusetzen und somit die Erlöserfigur der Christen faktisch zu teilen! Auch wenn der Mainstream-Islam unserer Tage so weit natürlich nicht geht, zeigt ein Blick in die historische Überlieferung, dass es eventuell nicht immer so gewesen ist: Der bekannte mittelalterliche Historiker al-Ṭabarī zitiert in seinen Annalen den muslimischen Revolutionär Abū al-ʽAbbās, der den vorherigen Kalifen nicht zuletzt wegen dessen „unislamischen“ Verhaltens abgesetzt hatte, mit den Worten, er und seine Anhänger wollen die Macht behalten, bis sie sie am jüngsten Tag an „Jesus, den Sohn der Maria“ abzugeben gedenken*.

Das alles hilft auch dabei, zu erklären, warum die wenigsten westasiatischen Christen der Invasion der Muslime im 7. Jahrhundert Widerstand leisteten: Den miaphysitischen Christen des Nahen Ostens müssen die frühen Anhänger Mohammeds nicht fremder erschienen sein, als das verhasste orthodoxe Ostrom.

* Übersetzt aus der Edition John Alden Williams, S. 157.