Grundsätzliches zu Hogesa, Montagswachen, AfD und Co.

Was wir zur Zeit erleben, ist, dass ein Teil der deutschen Bevölkerung aus seinem politischen Dornröschenschlaf erwacht ist, und verdutzt feststellen, dass sie von ihren Medien und Eliten belogen werden.
Was sie leider nicht verstanden haben, ist, WIE sie belogen werden. Denn die Medien lügen nicht bloß, indem sie das Gegenteil zur Wahrheit verbreiten, vielmehr bauen sie Dichotomien auf, die mit der Wahrheit in keinen wahrnehmbaren Verhältnis stehen.
Aber den Neuen Deutschen Wutbürgern geht es weniger darum, Kritik an den Verhältnissen zu üben, sondern mehr darum, ihren Unmut möglichst plakativ hörbar zu machen. Darum nehmen sie bloß die gegenteilige zur vorherrschenden Meinung, werden zu Putin-Fans, Eurogegner, etc., anstelle die Prämissen ganz in Frage zu stellen (solche wie EU vs Nation, Russland vs NATO).
Damit bleibt ihre Rebellion nicht nur langfristig ineffektiv (zumindest, was die tatsächlichen Herrschaftsverhältnisse angeht), sie laufen auch alle früher oder später in die Arme rechtsradikaler Ideologie.
Denn die politische Rechte ist eine Meisterin dieser Art des Protestes.
Seit sie ihr ursprüngliches Ziel (die Wiedereinführung des Feudalismus) aufgeben musste, beschränkt sich ihr Kampf gegen die bürgerliche Gesellschaft darin, deren eigene Prinzipien und Ideale zu überspitzen, auf den Kopf zu stellen und ad absurdum zu führen.
Damit setzt sie ihnen den Spiegel vor und erreicht dadurch oft viel heftigere Reaktionen und Anfeindungen durch die Herrschenden als die politische Linke, was sei für unzufriedene Bürger attraktiver macht. Andererseits ist sie bei den bürgerlichen Medien als Gegnerin beliebter, da sie sich selbst in ihrer Negation bürgerlicher Ideen noch in deren Rahmen aufhält, und wird bevorzugt als Feindin des Systems inszeniert, was sie wieder bei den Unzufriedenen populärer macht.
Sie hat aber auch keine Chancen, an den Verhältnisse, gegen die sie anrennt, tatsächlich etwas zu ändern, denn sie bewegt sich stets in dem von dieser gesetzten Rahmen und lässt sich die Arenen und Themen von ihr vorgeben. Dafür erschwert sie den Kampf derjenigen, die tatsächlich gegen die Herrschaftsverhältnisse kämpfen, denn sie zwingt sie, sich nebenbei zum Schutz dieser Minderheiten auch mit ihr zu befassen.
Ihr Zorn kann sich letzendlich also immer nur gegen Minderheiten und Außenseiter richten. Dafür erschwert sie den Kampf derjenigen, die tatsächlich gegen die Herrschaftsverhältnisse kämpfen, denn sie zwingt sie, sich nebenbei zum Schutz dieser Minderheiten auch mit ihr zu befassen.

Alternativlosigkeit für Deutschland

Mich beunruhigt der mediale Trubel etwas, der zur Zeit die neue Partei „Alternative für Deutschland“ gemacht wird.

Die Partei selbst finde ich nicht weiter bemerkenswert. Es ist nicht so, als würde sie sich in Programm oder Selbstdarstellung groß von dem unterscheiden, was wir von ehemaligen und gegenwärtigen konservativen Parteien wie der Hamburger Schill-Partei oder der CSU gewohnt sind.

Manch einer hat sie als eine Art Unionsgegenstück zur SPD-Abspaltung WASG vor zehn Jahren zu deuten versucht, aber ich finde, der Vergleich hingt etwas. Denn diese beiden Parteien trennte damals wesentlich mehr, als heute die AfD von der Union. Zwar war die WASG, wie eine SPD eine sozialdemokratische Partei, allerdings hatte letztere kurz zuvor mit der Agenda 2010 und der Einführung der Harz-Reformen einen fundamentalen Bruch mit sozialdemokratischen Prinzipien vollzogen, wogegen die Neugründung damals protestieren sollte. Etwas vergleichbares finde ich im derzeitigen Fall nicht. Lucke und seine Anhänger kritisieren zwar die Merkel-Regierung für ihre EU-Politik (natürlich, ohne Alternativen anzubieten, die nicht im Grunde auf das selbe hinauslaufen würden), aber einen Bruch mit Unionsprinzipien können sie auch nicht zur Anklage bringen. Oder glaubt tatsächlich jemand, dass, sagen wir, Kohl in Merkels Position anders entschieden hätte?

Der Grund für meine Beunruhigung ist eher, wie die AfD es geschafft hat, sich trotz ihres extrem angepassten politischen Profils als eine Art Protestpartei zu inszenieren, trotz oder gerade wegen der umfangreichen Unterstützung, die sie von den Mainstream-Medien bekommt.
Damit will ich gar nicht behaupten, dass die Berichterstattung für die Partei ausschließlich positiv ist. Aber auch die zahlreichen kritischen Berichte sind so ausgerichtet, dass sie der Selbstdarstellung der sogenannten „Alternative“ nutzen. So inszenieren sie sie häufig gerade in ihrer Kritik als Rebellen gegen oder Gefahr für die derzeitig dominante Politik, die sie bei nüchterner Betrachtung nicht ist. Dabei ist das aber genau das, was die AfD für die Protestwähler überhaupt erst attraktiv macht, die laut derselben Journalisten für den Erfolg der neuen Partei maßgeblich verantwortlich sind. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das keine Absicht ist, immerhin verdienen diese Leute mit der Manipulation der Massen ihr Brot, darum ist wohl davon auszugehen, dass sie ihr Handwerk gut genug beherrschen, um zu wissen, was sie da tun.

Mich erinnert das Ganze ein wenig an die Streitereien um die Band „Freiwild“ vor einem Jahr.
Mir scheint es, als würden die deutschen Medien systematisch daran arbeiten, reaktionäre Politik und Kultur als logische Rebellion zum derzeitigen Status-Quo zu inszenieren. Würden sie diese Dichotomie erfolgreich durchbringen, gäbe es zwischen reaktionären Etablissement und reaktionären Rebellen keinen Platz mehr für progressive Alternativen im öffentlichen Bewusstsein. Und das wäre dann endgültig politische Alternativlosigkeit.