Keine Weltregierung

Im verschwörungsideologischen Milieu sehr verbreitet ist die Vorstellung, die Abschaffung der Nationalstaaten zugunsten einer Weltregierung stünde in näherer Zukunft bevor.
Sie werde durch die üblichen transnationalen Netzwerke aus Bankern, Unternehmern und Politikern vorangetrieben, die die Welt beherrschten.

Was dabei übersehen wird: Alle die genannten Personengruppen beziehen ihre Macht primär über den Kapitalismus. Und dieser ist es, der die Nationalstaaten historisch hervor- und zum Erfolg gebracht hat.
Denn er braucht sie, weil er unterschiedliche Rechtsräume für seine verschiedenen Funktionen braucht:
Konsumentennationen, deren Bevölkerung wohlhabend genug sind, um sich ihre Produkte leisten zu können. In denen die Infrastruktur und Rechtssicherheit gibt, die zum Führen ihrer Unternehmen notwendig ist.
Produzentennationen mit niedrigen Lebenserhaltungskosten und Löhnen. Mit einer Rechtsunsicherheit, durch die optimale Ausbeutung der dortigen Arbeitskräfte nichts im Wege steht. Mit korrupten, weil armen Regierungen.

Eine Abschaffung der Nationalstaaten durch die, die von ihnen profitieren, ist also nicht zu erwarten.
Nationalismus und kapitalistischer Internationalismus sind also keine Widersprüche, sondern Seiten derselben Medaille.
Beide sind Notwendig für das Funktionieren dieses Wirtschaftssystems.

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Herrschaftssichernde Funktion von Verschwörungstheorien

Verschwörungstheoretiker sind im Grunde alle, die Theorien über Verschwörungen anstellen. Darum bezeichnet der Begriff so viele unterschiedliche Personen, wie Verschwörungen denkbar sind. Sie unterscheiden sich inhaltlich, aber auch in der Art und Weise, mit der sie ihre Thesen vertreten.

Was aber meiner Erfahrung nach die meisten Verschwörungstheoretiker gemeinsam haben, ist, dass sie sich als irgendwie herrschaftskritisch ansehen. Ihre Theorien sollen in der Regel (bestimmte/gegenwärtige) Herrschaftsverhältnisse aufdecken oder delegitimieren und das blinde Vertrauen in sie stören.

Darum sind die üblicheren, beliebteren Verschwörungstheorien die, die dabei besonders auf die Pauke hauen, das heißt, „ihre“ Verschwörungen als besonders mächtig und skrupellos charakterisieren. Die extremste Form stellen dabei die „Zentralsteuerungshypothesen“ dar, die von einer einzelnen Verschwörung ausgehen, die seit Jahrhunderten und weltweit die wichtigsten weltpolitischen und ökonomischen Ereignisse veranlasst hat.

Trotz ihrer stark zugespitzten Position sind sie innerhalb der „Verschwörungsszene“ nicht so stark isoliert, wie vielleicht zu vermuten wäre, sondern finden oft ein breites Publikum. Aber auch die gemäßigteren, beliebten Theorien neigen dazu, Verschwörercliquen, Regierungen oder Geheimdiensten ohne weiteres die stets erfolgreiche Inszenierung recht umfangreicher Ereignisse zuzutrauen. Diese Formen von Verschwörungstheorien stellen innerhalb ihrer subkulturellen Szene meiner Erfahrung nach den „Mainstream“ da und reichen immer mal wieder auch in den tatsächlichen Mainstream herein.

Ich denke, die Theorien wollen durch die Zuspitzung ihrer Beschuldigungen auch die verschwörungstheoretische Herrschaftskritik verstärken. Neben dem Sensationalismuseffekt soll die Schwere der Vorwürfe, die sie gegen ihre Gegner erheben auch den Delegitimierungseffekt verstärken. Meiner Meinung nach machen sie dabei aber einen entscheidenden Fehler, indem sie davon ausgehen, dass die Herrschaftssysteme, die sie kritisieren eben vor allem durch das Vertrauen derer Bürger in sie gestützt wird, das sie dann durch ihre Beschuldigungen brechen können. Herrschaft wird aber durch Furcht mindestens genauso stark gestützt. Sei es nun Furcht vor den Herrschenden selbst, Furcht von denen, vor denen sie ihre Untertanen beschützten, oder eine Mischung aus beiden. Je machtvoller und skrupelloser die Verschwörer in der Theorie erscheinen, umso stärker stützt sie eben auch die Herrschaft, die sie eigentlich bekämpfen will. Darum ist es auch nicht verwunderlich, dass viele autoritäre Staaten des 20. Jahrhunderts, wie russische Zarenreich, das NS-Deutschland oder die Ostblockdiktaturen während des Stalinismus (und teilweise noch danach), massiv an der Förderung von Verschwörungstheorien mitgearbeitet haben.

Auf der anderen Seite ist dieser Effekt sicher auch für die Beliebtheit dieser Theorien verantwortlich, denn sie entschuldigt die Passivität derjenigen, die mit der herrschenden Situation unzufrieden sind. Je geheimer und skrupelloser die Verschwörer dargestellt werden, desto zweckloser ist jeder Protest und jede Kritik; je machtvoller und umfangreicher die Verschwörung, desto weniger Erfolgsaussichten hat ein Umsturzversuch oder etwas ähnliches. Die Anhänger dieser Art des Verschwörungsdenkens können also weiterhin als Gegner der Unterdrückung betrachten und auf die „sheeple“, also die vertrauensseligen Untertanen, herabsehen, ohne dem irgendwelche konkrete Aktionen folgen zu lassen, denn es hätte ja eh keinen Sinn. Konkrete Handlungsanweisungen gibt es von ihnen daher auch selten, allenfalls leere Floskeln, wie, endlich „aufzuwachen“, die „rote Pille zu schlucken“, etc., höre ich von ihnen regelmäßig.

Ich finde, dafür gibt es wenig Rechtfertigung. Unabhängig davon, wie viel Realitätsbezug eine Theorie hat; jede Verschwörung, die noch am Laufen ist, hält einen Großteil ihrer Aktivitäten geheim, sonst würde sie nicht funktionieren. Es ist also nicht möglich, eine vollkommen klare Sicht auf sie zu bekommen, sie können wir nur entweder über- oder unterschätzen. Und wer sich da für die erste Option entscheidet, der tut das nicht ohne Grund.